Tiramisu

07.03.2015 14:00

Stantz war hungrig & lief ins Bistro. Nur ein alter Herr stand an der Theke. Stantz setzte sich gleich an seinen Stammtisch. Auf dem Weg dorthin sah er Mophelia, die ihn lächelnd grüßte. Die Chefin selbst kam dann an seinen Tisch & nahm sein Begehren auf. Auch hier schien es ihm wieder so, als sei er ihr lästig. Nahezu stirnrunzelnd war sie ihm gegenübergestanden. Und als sie ihm das Glas Buttermilch gebracht hatte, schaute sie weg, als sie es auf den Tisch vor ihm abstellte, als habe sie Angst, er würde sie küssen wollen. Und hatte Stantz denn nicht auch seine Lippen wie zum Kuß gespitzt? Die schöne Mophelia, schwarzhaarig & schlank wie eine Gerte, mit kaffeehellbraunen Teint, brachte ihm die Suppe, die er bestellt. Dabei lachte sie, als versuchte sie ein lange angestautes Lachen mit aller Gewalt zurückzuhalten. Schon kam er sich töricht vor. Das Gelächter aus der Küche vernahm er wohl. Die dicke Guste stand hinter der Theke & bediente noch den Alten. Also lachten nur Mophelia & die Chefin. Über ihn? Er wußte nicht so recht, ob er das alles noch mit Humor nehmen sollte. War es nur Einbildung? Immerhin bekam er seine Speise. Nicht so das Paar, das viel zu spät hereinkam. Die Frau fragte, ob es noch Essen gebe. Aber die Chefin verneinte hart. Ihn, Stantz, hätte das getroffen. Er hätte das persönlich genommen.
Er hatte sich die Zeitung schon längst geholt & blätterte darin. Eine Dachgeschoßwohnung sei zu vermieten nahe des Schloßparks in einer Villa. Anschauen kann nicht schaden. Die Suppe hatte er schon geraumer Weile ausgelöffelt, da erschien Guste. Sie räumte ab, fragte, ob es geschmeckt habe. Das hatte es. Und damit wollte sie wieder los. Aber Stantz hielt ihren Arm fest. Halt, so warten Sie doch, gnädiges Fräulein! Wie sehr bin ich verliebt in Sie! Ich küsse Sie auf ewig! Nein, das tat er nicht. Er bestellte noch ein Nudelgericht. Und das brachte ihm wieder die Schöne, wieder unter Lachen. Er wußte es nicht zu deuten. Er aß & war es zufrieden. Da trat plötzlich sein Nachbar O herein. Der brauchte einen Augenblick, bis er sich seinen, Stantzens starren, abwartenden Blick fügte. Er grüßte ihn mit Namen, Stantz ihn zurück, wobei er noch hastig eine Nudel zu zerkleinern & hinunterzuschlucken hatte. Er hörte, wie der Nachbar Kaffee bestellte. Hatte er etwa vor, sich an seinen Tisch zu setzen & sich mit ihm zu unterhalten? Stantz wußte nicht so recht, ob ihm dies behagen würde. Aber als der Nachbar alles beisammen hatte, verließ er den Laden, ohne sich nur nach ihm umgedreht zu haben. Auf der Stelle wünschte Stantz ihm den Tod. Und er hatte auch erschöpft ausgesehen, so als hätte er kürzlich wieder eine Herzattacke gehabt. Wer mich nicht grüßt, sei des Todes!
Dann war es wieder Guste, die abräumte & ihn diesmal auch gleich fragte, ob er noch einen Wunsch hätte. Er fragte, ob, wie auf einem Pappstreifen, der in der Eiskarte stak, mit der Hand geschrieben zu lesen war, Tiramisu (eigtl. 'zieh mich hoch') wirklich zu haben sei. Sie bejahte. Dazu bestellte er noch einen doppelten Espresso. Und die Schöne brachte ihm die aus mehreren, mit Alkohol & Kaffee verfeinerten Sahne- & Biskuitschichten bestehende, cremige Süßspeise. Den Espresso bekommen Sie gleich, sagte sie zu ihm wieder lächelnd, wieder lachend. Es ging dem Feierabend zu. Es wurde aufgeräumt, geputzt, weggestellt. Mophelia brachte den Müll hinaus. Leider beobachtete Stantz sie nicht dabei, wie sie ihren jungen Körper dehnte. Er tat so, als sei es ihm viel wichtiger, den Schaum des Espressos (den er von ihr persönlich erhalten hatte!), der sich am Innenrand in welligen dicken Schichten abgesetzt hatte, mit dem Löffel abzukratzen & unter das Getränk zu rühren. Oh, wie lange sie da draußen war, so leicht bekleidet! Und er schaue nicht hin. Aber Guste stand noch hinter der Theke (der Alte war schon lange fort, dafür war ein anderer älterer Herr gekommen, ein Stammgast wohl, denn Stantz hatte ihn schon öfter gesehen & oft genug ihn mit der Schönen geradezu schäkern sehen) & schien nur darauf zu warten, daß er seinen Kopf hebe & Mophelia mustere. Der Alte, der gerade in Klammern kurz Erwähnung fand - er hat nur Klammern im Grunde verdient, denn er ist nichts! -, war, nachdem er schon bezahlt hatte, erst hin zur Theke gegangen, um von dort zu rufen, daß sie sich ja förmlich verstecken würden, um dann ganz in die hinteren Räume zu verschwinden. Stantz vermutete gleich irgendeine Unanständigkeit. Es dauerte, bis er die Dicke & die Chefin wieder sah, stumm gingen sie ihrer Arbeit nach. Von Mophelia keine Spur. Es war auch nichts zu hören. Was trieben die beiden da hinten? Was wollte dieser weißhaarige Geier von dieser jungen Frau? Die Chefin schien es nicht zu interessieren. War sie es gewohnt? Wurde es geduldet? Als diese beiden dann nach hinten verschwanden, erschien der Alte plötzlich wieder. Er keuchte. Er mußte Höchstleistung erbracht haben. Er mußte Mophelia etwas geboten haben, das Stantz ihr verwehrte. Bevor der Alte ging, verabschiedete er sich sogar noch von ihm. War er stolz? Nun, Stantz beeilte sich mit der Süßspeise. Von der Dicken verabschiedete er sich. Kurz vor dem Ausgang bemerkte er dann die Chefin & Mophelia. Er verabschiedete sich von allen dreien. Mophelia, ganz im Hintergrund, winkte ihm. Da lächelte er nicht unfreundlich.

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