Piranhas & Goldfische

08.03.2015 15:00

Im Chinarestaurant fand Stantz sich nicht sonderlich gut behandelt. Sicher, sooft wie das alte Ehepaar am Nachbartisch war er noch nicht hier gewesen. Dreißig Jahre! Damit muß man ja angeben unter den Gästen. Auch die schräg hinter ihm am Fenster, mit denen die Frau am 30 Jahre alten Tisch eine Konversation beginnen wollte, gingen schon über Jahre hierher. Er saß an einem Zweiertisch, direkt vor dem Aquarium, auf das er die meiste Zeit über stierte. Direkt hinter ihm die Leute hatte er bei seinem grußlosen Eintreten & Niedersetzen nur flüchtig gesehen. Aber alt waren auch diese. Das konnte er feststellen, als sie aufbrachen: Neben dem Aquarium war die Frau stehengeblieben. Stantz hob instinktiv den Kopf, eine Gabel Nasi Goreng in seinen Mund schiebend. Streng, um nicht zu sagen böse schaute sie ihn an. Oder betraf es ihren alten Gatten, der noch immer nicht von seinem Stuhl hochgekommen war?
Ich denke zu sehr an Mophelia, so Stantz. Oh, wie er sie zufällig im Park träfe, in dem er heute aus Trägheit nicht gewesen war, wie er sie sähe & anredete, wie er niederkniete & ihre Schuhe küßte! O Mophelia, wie ich dich liebe, so hat noch niemals ein Mensch einen Menschen geliebt! Große Worte. Nächsten Samstag, wenn er wieder im Bistro sitzt & die Schöne ihn bedient, wird er erröten, wird er nicht seine gewohnten Bestellungen aufgeben können. Was ist mit ihm? So fragt die Chefin sie in der Küche. Nichts ist.
Es ist eine luxuriöse Dachgeschoßwohnung am Schloßpark zu vermieten. Gern anschauen täte er es sich wohl. Allein, er paßt nicht dorthin. Seine Kleidung entspricht nicht mehr der neuesten Mode, ist gar abgenutzt, schäbig. Und schäbig ist auch seine Bildung.
Er hatte viel Zeit, die vielen Fische (es mögen über dreißig gewesen sein) im Aquarium zu betrachten. Sie öffneten für sein Verständnis viel zu schnell ihre Mäuler. Wahrscheinlich war nicht genügend Sauerstoff im Wasser. Es war grünlich, & beinahe konnte man das dahinter liegende Mobiliar nicht erkennen. Doch mußte er zugeben, daß er gar nicht wußte, wie schnell & wie oft Fische dieser Art  - Piranhas (Raubfische in südamerikanischen Flüssen: Pygocentrus piraya) in jedem Fall, & dann solche orangefarbenen Goldfische unbestimmter Art -, ja Fische im allgemeinen ihr Maul öffnen & schließen, um mit ihren Kiemen Sauerstoff aufzunehmen. Ihre Augen wirkten wie aufgeklebt, starr, weit aufgerissen so ganz ohne Lid. Und doch hatte jeder Fisch einen anderen Blick. Da gab es den lässigen Blick, den des Überlegenen, dessen Besitzer auch ein wenig homosexuell sein mochte. Dann gab es da geradezu kindische Blicke, Angstblicke, Blicke voller Gleichmut. Wie eng es da war in diesem Glaskäfig! Und wie viele Fische schwammen darin umher! Aber sie schwammen nicht eigentlich. Wie auf geheimer Absprache bewegte sich jeder Fisch nur in einem engen Raum, so als befände sich der Fisch in einer durchsichtigen Blase. Kam es zu Berührungen, was bei dieser Enge nicht zu vermeiden war, so schubbste der Fisch den Eindringling weg. Ein Piranha schien nervös zu sein. Immer wieder stieß er an die Scheibe & schwamm dann wie aufgeregt in die Mitte des Aquariums zurück. Die anderen ließen sich aber gar nicht stören, machten Platz so gut es ging, & der ungestüme Jüngling beruhigte sich wieder. Aber vielleicht war kein einziger der Fische noch jung zu nennen. Sicher, es gab kleine Exemplare der Goldfischart. Aber jung erschienen sie ihm nicht. Sie waren kleiner als die anderen, weil es nicht genug zu fressen für alle gab. Noch nicht einmal genug Sauerstoff gab es ja! Litten diese Tiere? Lampen leuchteten grell ins Wasser, sodaß die Gäste die Fische besser sehen konnten. Stantz hätte auch dunkle Ecken bereitgestellt, Höhlen, Verlängerungen, die in die Trennwand führten, die ihre Tische von den Nachbartischen schied, kleine Grotten, worin die Fische flüchten könnten. Leid taten ihm die Tiere nicht. Er empfand nichts für sie, konnte sich nicht so recht in ihre Lage hineinversetzen. Als er gegessen hatte & abgeräumt wurde, wartete er vergebens darauf, nach weiteren Wünschen gefragt zu werden. Er hätte eine Nachspeise wohl noch zu sich genommen. Aber die bebrillte Chinesin, der er bislang immer einen recht ordentliches Trinkgeld gegeben hatte, war offensichtlich nicht gewillt, noch weitere Arbeit auf sich zu nehmen. Er wartete einen Augenblick zu lange, da war sie schon mitsamt dem Geschirr davongeflogen. Er ärgerte sich etwas, weil er glaubte, man wolle ihn möglichst schnell loswerden. Aber es war vielleicht auch schon über die Zeit. Er hörte sie später zu einem Gast sagen, der einen Nachtisch bestellte, sie müsse erst fragen, Koch schon zuhause. Also war es nicht unbedingt gegen Stantz allein gemünzt, dieses Hinauskomplimentieren. Er blieb trotzdem stur sitzen, betrachtete weiterhin die Fische. Er saß schon eine Weile allein dort, da wurde plötzlich das Licht ausgeschaltet, das das Fischbecken beleuchtete. Die Fische zogen sich sofort zurück in die Mitte des Aquariums, sanken zu Boden. Jetzt taten sie ihm doch leid. Da bat er die chinesische Brillenschlange, sie möge ihm die Rechnung bringen. Erst verstand sie nicht, redete, wollte fragen, aber das Wort Rechnung schien ihr dann doch genügt zu haben.

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