Ciacona in f-moll

01.03.2015 20:00

Stantz bereitete sich auf seinen Gang zum Chinesen vor. Zuerst hatte er seinen neuen Lodenmantel stolz durch die Stadt tragen wollen. Aber dann schien er ihm wieder zu unförmig & für das Wetter zu dick aufgetragen. Er aß sich satt dort im chinesischen Restaurant, gab gutes Trinkgeld.

Dann machte er sich auf den Weg zur F-Kirche, einem Konzert beizuwohnen. Er war noch recht früh dran. Weil die Sonne herauskam (Gott sei Dank keinen Lodenmantel um den Hals!), lief er ein wenig um die Kirche herum, dann Richtung Q-Allee. Eine Amsel sang. Er ging wieder zurück. Der beste Platz bei solchen Kirchenkonzerten sei in der Mitte, wie er einmal gesagt bekommen hatte. Und da war noch sehr viel frei. Er war froh, daß er früh dran & drin war, denn am Ende war es so voll geworden, daß manche stehen mußten. Er hatte seine Jacke ausgezogen. Er schaute sich, auf der Kirchenbank sitzend, um. Er schien der einzige zu sein, der sich seiner Jacke entledigt hatte. Hättest du den Lodenmantel angezogen, so er zu sich, hättest du ihn nicht ausgezogen & daher dich nicht einer Erkältung ausgesetzt! Diese kalte Kirchenluft. Hier haucht der Tod. Hier bläst der Tod die Lichter aus.
Stantz hatte sich kein Programmheft genommen. Für eine kleine, kurze Geschichte ist so etwas immer ganz nützlich, dachte er.

Der Pfarrer hatte, da er das Hausrecht besaß, die Ansprache gehalten. Um eine Spende würde am Ende des Konzertes gebeten, vorn am Eingang würde man uns dann erwartungsvoll entgegensehen. Und schröpfen. Stantz malte sich aus, wie es sei, wenn, je näher es zum Schluß käme, mehr & mehr Leute das Gotteshaus verließen. Der Letzte hätte die Zeche zu zahlen. Immer mehr würden hinauseilen, es käme zu Drängeleien, zu kleinen Tumulten, geschubst würde, schließlich geschlagen!

Eine Frau hatte Stantz noch gefragt, ob rechts neben ihm, also zum Gang hin, frei wäre. Das bejahte er & rückte auch sofort noch einige Plätze weg. Gleich stellte er sich vor, daß sie seine große Liebe sei. Hier in dieser Kirche haben wir uns kennengelernt! Aber er wurde rasch enttäuscht, als sie jemanden, der sie & sie ihn erkannt hatte, herzlich umarmte. Ein Bekannter nur, gewiß, aber ein menschlicher Verkehr. Später dann spürte er leicht etwas an seinen Körper drücken. Da sehnte er sich plötzlich danach, von jemandem umarmt, oder auch nur leicht berührt zu werden. Wie diese Berührung seinen Körper entspannen, entladen würde! Aber es saß niemand neben ihm. Es war sein neuer Rucksack, den er dort abgelegt zu haben sich augenblicklich nicht erinnen konnte.

Die Darbietung gefiel ihm leidlich. Er hatte mehr Altes erwartet. Zu Beginn war ein Orgelstück zu hören, die Ciacona in f-moll. Da weint man schnell. Der Dirigent war zugleich auch der Organist. Während unten der Chor sangesbereit stand, spielte der Herr Chorleiter oben die Orgel, zuweilen von seinem Gehilfen assistiert, der die Seiten des schweren Notenbuches umblätterte, oder dem Spieler gar ins Ohr flüsterte, was er zu spielen habe. Als er geendigt, stieg er herab wie der Gekreuzigte selbst. Nun wurde gesungen. Stantz merkte bald, daß er nicht mehr sitzen konnte. Schlug eins ums andere Mal seine Beine übereinander, streckte sie, rutschte nach vorn, nach hinten, um seinem Gesäß, das er wund glaubte, Erleichterung zu verschaffen.

Er war dann doch froh, als der Applaus einsetzte, ein untrügliches Zeichen dafür, daß es endlich vorbei war. Er fühlte sich unsäglich müde. Aber der Leiter war eitel geworden. Eine Zugabe blieb nicht aus. Der Mond ist aufgegangen, hörte Stantz sacht & leise singen. Das Gedicht von Matthias Claudius hatte er erst zwei Tage zuvor gelesen. Er war berührt.

Dann Aufbruchsstimmung. Die, die nichts zahlen wollten, rannten hinaus. Zwei Mitglieder des Chores, ein Mann & eine Frau, rannten hinterher, dem Ausgang zu. Stantz wartete. Die Dame zur Linken fragte ihn, ob sie ihm behilflich sein könnte, was er kalt ablehnte. Aus seiner Geldbörse kramte er nun einen 5€-Schein heraus. Den wollte er spenden. Da sah er eine ältere Frau, wie sie ein liegengelassenes Programmheft an sich nahm. Sofort schaute er in seiner Umgebung, ob er nicht auch so etwas fände. Und in der Tat, er wurde fündig. Dann ging er zum Ausgang, in seiner Rechten das Heft, in seiner Linken den Schein. Links stand die Sängerin mit einem flachen Korb, in dem sich zahllose Geldscheine schichteten. Viele blaue sah er, rote, nur wenige graue. Rechts stand der Sänger, den er anfangs für den Organisten gehalten hatte & der ihm auch nicht so recht hatte singen wollen. Kein einziges Mal hatte er ihn den Mund öffnen sehen! Dafür redete er jetzt ganz viel. Man schien sich zu kennen. Da wollte Stantz nach links zur jungen Sängerin, seinen Obolus entrichten, aber schon sprang eine Frau dazwischen & wieder wurde sich gedrückt. So legte er seinen Schein in des Sängers Körbchen & bedankte sich mit leiser Stimme. Aber er wurde gar nicht gehört. Der Schnösel von Sänger unterhielt sich laut mit einer Bekannten. Gut, daß es kein 50€-Schein war! dachte Stantz.

Draußen zeigte sich ein Regenbogen. Die Amsel sang noch. Es regnete leicht. Schön leuchtete die untergehende Sonne die Kirche von hinten an.

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